9. November 1940, 21:42Uhr, ein kalter Winterabend. Plötzlich krachte etwas durch die Fensterscheibe des Ladens unter der Wohnung und eine Stimme schrie lauthals und mit erdrückender Aggression: "SS! Sofort runterkommen und uns begleiten! Sachen werden nicht gepackt!". Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht und zugleich verstand ich die Situation nicht. Vater stürmte in mein Zimmer, sagte ich solle sofort aufstehen und mit hinunter in den Laden kommen, Mutter ging währendessen zu meinen Brüdern Johannes und Paul. Und ich? Ich bin übrigens Fritz, Fritz Lewy, aus Berlin Kreuzberg. Wir gingen hinunter und standen da. Alle in ihren Schlafkleidern und die Männer in schwarzen Uniformen sahen uns mit Hohn und Spott an und lachten. Aber dann sprangen sie wieder sofort in ihre vorherige aggressive Haltung um. "Sie werden uns jetzt augenblicklich und ohne Widerstand begleiten. Dies ist eine Umsiedlungsmaßnahme und dient zu ihrem eigenen Schutz und Wohl, beschlossen vom Führer selbst.", sagte einer der Männer in schwarz. Ich dachte, er sagt die Wahrheit, doch ich sollte später erfahren, dass dies alles andere als gute Absichten mit sich bringt. Aber was sollten wir schon anrichten? Sie standen mit den Prügeln in der Hand, bereit um uns damit zu überwältigen, sobald wir auch nur den Hauch von Widerstand leisten sollten und das sollte auch nicht lange auf sich warten. Mein kleiner Bruder Johannes, er war damals 7 Jahre alt, schrie nach seinem Stoffbären und rannte die Treppen hinauf um ihn zu holen. Mutter schrie noch, dass er dies nicht tun sollte, doch sofort sprang einer der Männer in schwarz ihm hinterher, packte ihn an den Haaren und drückte ihn zu Boden. Es war eine so surreale Situation. Ein erwachsener Mann, der einen kleinen Jungen zu Boden streckt? Ich verstand es einfach nicht. Johannes schrie rum, weinte, denn er hatte sich den Kopf gestoßen. Der Mann schrie ihn immer weiter an, er soll doch mit dem Heulen aufhören und irgendwann war Johannes still und sein Gesicht zeugte von unglaublicher Angst, eine Angst die ich noch nie im Gesicht eines Menschen gesehen habe. Dann ging es auch schon los. Sie drängten uns aus unserem kleinen Laden auf die Straße, wo am Rand ein kleiner Transporter stand. "Rein da! Na wird's bald!", schrie einer von ihnen und wir stiegen ein. Wir waren nicht die Einzigen in diesem Transporter, die Hoffmanns, die zwei Straßen weiter wohnen, waren auch da und auch ihre Gesichter zeugten von dieser unheimlichen Angst.
Auf einmal fuhr der Transporter los.