Dienstag, 1. April 2014

Kapitel 2: Eine neue "Heimat"

Wir fuhren Tag und Nacht. Über holprige Landstraßen, Feldwege und befestigte Straßen. Dann waren wir irgendwann da. Wir stiegen aus. "Wo sind wir, Mama?", fragte Johannes ganz unschuldig. Sofort, wie ein Blitz sagte einer der Männer in schwarz: "Das ist Warschau, ihre neue Heimat.". Ich hatte diesen Namen noch nie vorher gehört, aber er sollte mir noch Jahrzente lang im Kopf hängen bleiben. Mein Vater klärte uns dann auf: "Wir sind hier in Polen, meine Kinder.". "Schweigen Sie, Herr Lewy! Wir sind hier nach wie vor im Großdeutschen Reich!", warf einer der Männer sofort und mit ziemlicher Aggression hinein. "Mitkommen jetzt! Wir werden Sie nun in ihre neue Unterkunft bringen.", forderte einer der Männer und wir folgten. Wir gingen durch verschiedene Wohnblöcke und alles war grau und halbwegs zerstört. Dann kamen wir endlich, nach gut 1 1/2 Stunden Fußweg, an und uns wurde erklärt, dass wir nun mit den Hoffmanns zusammen wohnen werden, das waren übrigens vier Personen, Vater Hermann, Mutter Anna, Tochter Julia und Sohn Thomas. Neun Menschen unter einem Dach? Die Unterkunft muss ja riesig sein, dachte ich mir, doch ich irrte mich. Wir zogen in eine 2-Zimmer-Wohnung ein. Ein Rattenloch, kalt, feucht und verrottet. "Hier werden Sie absofort wohnen! Zusammen mit dem restlichen Judenpack!", schrie uns einer der Männer an. Judenpack? Ich verstand es nicht. Nur weil wir Juden sind müssen wir in diesem Rattenloch wohnen? Es riss mir den Boden unter den Füßen weg, die Welt in der wir lebten sollte sich ab diesem Zeitpunkt in eine Hölle verwandeln.
Hölle traf es sehr gut, denn diese Gegend zeugte nur so von Leid, Trauer und Schmerz. Überall wo man hinsah, weinende Mütter, die den Verlust ihrer Kinder betrauerten, weinende Kinder, mehr nicht. Alles war einfach nur voll damit. "Das ist sicher nur vorrübergehend so, Kinder. Bald kommen wir wieder Heim.", sagte Vater voller Hoffnung, aber man merkte ihm die Unsicherheit an. Wir verstanden es alle nicht. Wie kann man Menschen nur aufgrund ihrer Religion hassen? Diese Menschen konnten das irgendwie, doch warum? Die Antwort sollten wir nie klar erfahren, aber man machte uns schnell klar, dass wir einfach anders sind, minderwertig wie es immer so schön betitelt wurde.
Die Tage waren immer gleich, sie glichen dem nackten Überlebenskampf in der Wildnis. Es wurde um Essen und Kleidung gekämpft und getauscht. Ich weiß noch genau, wie ich mich mit einem Jungen über ein paar Schuhe stritt und wir uns prügelten, ich schlug ihn bewusstlos. Nach Wochen und Monaten wurde das zur Routine. Man empfand kein Mitleid mehr, gerade nur noch für die eigene Familie und eventuell noch für enge Freunde. Aber für fremde Menschen? Für die gab es keine Gnade. Es war einfach nur grausam.
Nach circa drei Monaten erkrankte dann mein jüngster Bruder Paul. Lungenentzündung. Er hustete nur noch, hatte hohes Fieber, er war gerade mal vier Jahre alt. Aber was soll man unter diesen Umständen denn tun? Ärzte? Die gab es nicht. Wir taten alles, was in unserer Macht stand, doch nach zwei Wochen starb er dann, in meinen Armen. Ich rannte weg, schrie nach Gott und klagte ihn an, warum er dies alles geschehen lässt, doch eine Antwort bekam ich nicht. Wissen Sie, nach solchen Ereignissen stumpft man ab, man wird kalt, gefühllos, man lebt einfach nur irgendwie, aber irgendwie auch nicht. Ich kann mich noch sehr genau an Mutters Gesicht erinnern als mein Bruder starb. Dieses Leid und diese Trauer, das kann man nicht mit Worten beschreiben. Sie schrie und weinte, Tag für Tag und Nacht für Nacht. Wir beteten ständig, doch Erlösung oder Hilfe erreichte uns nicht.
So sollte es noch bis Mitte 1941 weitergehen.

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