Juli 1941. Sommer in Warschau, Hitze, kaum etwas zu Essen und überall verweste Leichen. Nun lebten wir schon einige Zeit in diesem Rattenloch. Der Tod meines Bruder hing mir immer noch im Genick und Mutter war nur noch eine Hülle. Vater verbrachte seine Zeit damit, irgendwie an Alkohol zu kommen, um sich mit anderen Leuten die Welt schön zu trinken. Aber was soll man sich an diesem Platz schon schön trinken? Da gab es nicht viel zu machen. Mittlerweile waren wir allein in der 2-Zimmerwohnung. Die Hoffmanns? Die versuchten zu fliehen, aber sie wurden gefasst und öffentlich erschossen. Es glich einem Festspiel. Diese Männer in schwarz ergötzten sich an den toten Menschen als wären sie Götter und könnten über alles und jeden richten, die traurige Wahrheit daran war, dass sie das wirklich konnten. Sie prügelten Menschen nieder, einfach so zum Spaß. Ihr hämisches Lachen ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Selbst als wir meinen kleinen Bruder zu einem selbstgemachten Grab trugen und in niederlegten, standen sie nur hinter uns und lachten, während Mutter nur so vor Leid schrie. Ich wollte auf sie losstürmen, aber was sollte ich schon ausrichten? Natürlich wollte ich auch irgendwie überleben, in solchen Situation ist man einfach egoistisch.
Sie fragen sich sicherlich, wie wir an Essen und Trinken kamen, nunja das war mehr oder weniger die Aufgabe von Johannes und mir. Johannes verstand es nicht mal wirklich, ich sagte ihm, dass dies ein Spiel sei. Ich weiß, das ist krank, aber wie sollte ich ihm das sonst erklären? Wir zogen Tag und Nacht durch die Gassen und fanden auch hin und wieder etwas. Manchmal musste ich darum kämpfen, manchmal konnte man tauschen, wenn man Glück hatte. Irgendwie sind wir immer mit einem blauen Auge davongekommen.
Nach einem weiteren Monat, also im August '41, lernte ich ein Mädchen kennen. Ihr Name war Anna Gruber. Sie kam wie wir aus Berlin, war wie ich ca. 1,65m groß und hatte lange, hellbraune Haare, dunkelbraune Augen und kleine Grübchen, wenn sie lachte. Ein wunderschöner Engel in dieser gottlosen Gegend. Sie half Johannes und mir beim Essen und Trinken beschaffen, da sie schon etwas länger in Warschau lebte als wir kannte sie viel mehr und konnte uns somit gut unterstützten. Ab und zu nahmen wir uns auch mal Zeit für uns beide. Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen, wie wir uns auf einen etwas abgelegten Spielplatz setzten und in unser eigenen kleinen, schönen Welt lebten und uns, wenn auch nur für einen kurzen Moment, von dieser Hölle distanzierten. Wir verliebten uns in einander, es war wie ein kleines Glück für mich, aber das sollte nicht lange währen.
Oktober '41. Später Nachmittag. Anna und ich waren mal wieder auf unserem Spielplatz und lachten lauthals und lebten einfach wieder in unserer Welt. Wir nahmen uns dieses Mal sogar ein klein wenig zu Essen und zu Trinken mit, also eine Art Picknick. Doch dann geschah es. Ein Gruppe von fünf Jugendlichen, ich schätze sie waren so um die 15 bis 17 Jahre alt sahen uns, sie waren wahrscheinlich selbst auf der Suche nach etwas zu Essen und gingen auf uns zu. "He! Wie ich sehe habt ihr da was zu Essen. Es wäre doch eine Schande das nicht mit uns zu teilen, nicht wahr?", sagte einer von ihnen. "Ehm .. davon bekommt ihr nichts! Das gehört allein uns!", schrie ich sie nur an. "Das wollen wir mal sehen!", antworte er zurück und sie rannten auf uns zu. Anna und ich rannten so schnell wie wir konnten, leider in zwei verschiedene Richtungen. Drei waren hinter mir her und zwei hinter ihr. Ich rannte so schnell ich nur konnte und schaffte es dann mich hinter einer Mauer zu verstecken. Dann sah ich nur noch wie sie Anna geschnappt hatten und einer von ihnen ein Messer aus seiner Hosentasche zückte. Er sagte noch irgendetwas zu ihr und stach dann zu, ich hörte nur noch das hämische Lachen der Jugendlichen während mein Engel blutend am Boden lag. Natürlich wollte ich ihr helfen, natürlich wollte ich sie retten, aber ich hatte einfach zu große Angst. Als die Jugendlichen dann das Essen nahmen und weggingen rannte ich zu ihr, sie war noch am Leben. "Es tut mir so leid mein Engel! Ich habe es nicht geschafft dich zu retten, es tut mir einfach so leid!", sagte ich zu ihr während mir die Tränen über mein Gesicht liefen. "Du hättest nichts tun können. Hättest du etwas versucht, hätten sie dich genauso zugerichtet wie mich. Gib dir bitte nicht die Schuld an meinem Tod", sagte sie mehr flüsternd als wirklich sprechend. "Dein Tod?", schrie ich entsetzt. "Du wirst nicht sterben! Ich trage dich zu meinen Eltern und da werden wir dich irgendwie davor bewahren, aber nein, du darfst nicht sterben! Du bist alles, was mich hier noch am Leben hält!" "Es ist zu spät, Fritz. Aber vergiss bitte eines nicht, in deinem Herzen werde ich weiterhin leben. Vergiss das nicht, versprich es mir.", flüsterte sie mir entgegen. "Ich verspreche es dir.", sagte ich ihr mit einem Gesicht überfüllt von Tränen. Ich gab ihr noch einen Kuss und dann hörte sie auf zu atmen und ich saß einfach nur da und starrte ihren leblosen Körper an. Warum? Warum musste mir das passieren? Warum gerade mir?
Und auf einmal war sie wieder da, die Hölle, so nah und so real.
Toll :)
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